Klimawandel in der Thüringer
Kirche
Der
Referent setzte ein bei der Entstehung der Thüringer
Landeskirche aus neun verschieden geprägten kleinen
Kirchen unter den Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse
im Jahr 1920. Damals wurde um möglichst vielen Richtungen
Raum zu geben auf eine strikte Anbindung an das lutherische
Bekenntnis in der Gesetzgebung und eine theologische
Aufarbeitung der Bekenntnisfrage verzichtet. In der
Verfassung der Thüringer Lan-deskirche von 1924 hieß
es : "Der Bekenntnisgrund bleibt durch dieses Gesetz
unberührt". Das hatte in der NS-Zeit dramatische Folgen
für die Thüringer Kirche: Unter dem Motto der Entkonfessionalisierung
und dem Ziel einer deutschen Reichskirche konnten
die Wortführer der Deutschen Christen ohne wirksamen
Widerstand ihr Programm zur "Entdogmatisierung der
Kirche" und "Entjudung der Bibel etablieren. Ohne
geistlich-theologische Verankerung der damaligen Kirchenleitung
im lutherischen Bekenntnis und Festhalten am Zeugnis
der Bibel konnte selbst Martin Luther als bloße Symbolfigur
für die "Verdichtung des Deutschtums" missbraucht
werden.
Für die Gegenwart und Zukunft sieht Ernst Koch eine
bleibende Verantwortung für das lutherische Bekenntnis,
denn es sei nicht nur ein Firmenschild, sondern es
gehe um die theologischen Inhalte: Bekenntnis als
die gemeinsame Antwort auf die biblische Bot-schaft,
als Bekenntnis der Glaubenden vor mir und neben mir.
Das lutherische Bekenntnis als durchreflektierte Antwort
auf die Bibel verbinde uns mit den großen Konfessionen
der Christenheit. Die Einheit der Kirche sei nicht
allein Ergebnis organisatorischer Pla-nung, hier wäre
heute eine "Kritik der ökonomischen Vernunft" wünschenswert.
Nach
einer regen Aussprache zum Vortrag und der Mittagspause
knüpfte der Vorsitzende des Pfarrvereins Martin Michaelis
in seinem Jahresbericht inhaltlich am Thema des Vormittages
an. Im Blick auf die kirchliche Gesamtsituation und
den Konföderationsprozess sieht er einen hohen organisatorischen
Aufwand und fehlende geistlich-theologische Aufarbeitung.
Auch hier dürfe man "das Lutherische Bekenntnis nicht
unberührt als Museumsstück der Vitrine überlassen."
Der derzeitige Bedeutungsverlust der VELKD zugunsten
der EKD sei dramatisch und habe negative Folgen für
die Arbeit der Pfarrvertretungen.
Insgesamt stellte Michaelis für die Thüringer Kirche
einen Klimawendel fest: es wird kälter. Es seien "Veränderungen
in der Gesetzgebung und im Umgang mit Menschen wahr-zunehmen",
die zeigten, dass "Strukturen mächtiger und unpersönlicher,
die Rechte der Pastorinnen und Pfarrer geringer und
geringer geachtet werden." Dem entspräche es, das
der Pfarrverein als Vertretung der Pfarrerschaft mehr
geschätzt und stärker in Anspruch genommen würde,
sowohl wenn finanzielle Hilfe als auch rechtlicher
Beistand benötigt werden.
Auch der Thüringer Pfarrertag im Mai zum Thema "Mobbing
in der Kirche" habe reges Interesse über die Grenzen
der Landeskirche hinaus gefunden, nächstes Jahr solle
dieser Tag dem Thema "Burn-Out-Syndrom" gewidmet werden.
Dem Klimawandel geschuldet seien wohl die ambivalenten
Reaktionen seitens des Landeskirchenrates zu den Stellungnahmen,
die Michaelis im Auftrag des Vorstandes zu neuen Gesetzesvorlagen
verfasste: "Manchmal werden unsere Vorschläge schlicht
ignoriert, manchmal werden insbesondere nach meinen
Voten zu Personalfragen ganze Verordnungen und Gesetzespara-graphen
neu geschrieben." Meist fielen diese dann zu Ungunsten
der Pfarrerschaft aus. Besonders bedauerlich sei die
geplante Umwandlung der Schlichtungsstelle in ein
Verwaltungsge-richt nach KPS - Verwaltungsgerichtsordnung,
die nicht widerspruchslos hinzunehmen sei, da sich
die bisherige Regelung bewährt habe, nun aber die
Rechte des Pastorinnen und Pfarrer schwerer einzuklagen
und durchzusetzen sein werden.
Für die Tätigkeit des im vergangenen Jahr neu gewählten
Vorstandes konnte der Vorsitzende eine positive Bilanz
ziehen: die Arbeit konnte ohne Schwierigkeiten aufgenommen
und kontinuierlich fortgeführt werden. Die Kontakte
zu den Partnervereinen nach Württemberg, Montbeliard
und in die Slowakei werden weiterhin gepflegt, kürzlich
gab es ei-nen regen Austausch in Dänemark mit Vertretern
europäischer Pfarrvereine. Die positive Entwicklung
der Mitgliederzahlen, derzeit sind es 630, zeige,
dass Zusammenstehen in dieser Zeit notwendig sei und
die Arbeit des Vereins Früchte trage und geschätzt
würde.
Auch die finanzielle Basis des Vereins ist solide,
wie die Schatzmeisterin Brigitte Enke anhand des Rechnungsabschlusses
für das Jahr 2003 darstellen konnte: Durch die stabile
Mitgliederzahl gibt es auch stabile Einnahmen durch
die Mitgliedsbeiträge, das Vereinsvermögen soll in
nächster Zeit in eine Stiftung überführt werden.
Der Bericht des Vorsitzenden und der Schatzmeisterin
wurde mit regem Interesse aufgenommen. In der Aussprache
wurde dem Vorsitzenden und dem Vorstand des Vereines
Anerkennung und Ermutigung für die weitere Arbeit
ausgesprochen. Betroffen zeigten sich viele Teilnehmer
über den Klimawandel in unserer Kirche.